Der Verlust der Nacht

Künstliches Licht ist wie Feuer eines der bedeutendsten Phänomene unserer Kulturgeschichte. Es ermöglicht uns den natürlichen Tag-Nacht-Gesetzen zu entfliehen und auch bei Dunkelheit zu sehen. Doch welche Auswirkungen hat das eigentlich auf unseren natürlichen Biorhythmus? Tickt unsere innere Uhr jetzt anders als vor 100 Jahren, als wir uns noch auf Sonne und Mond verlassen mussten?

Fakt ist: Licht hat einen großen Einfluss auf unser Zentrales Nervensystem, unsere Hormone und unseren gesamten Stoffwechsel. Das menschliche Befinden hängt stark von unserem Biorhythmus ab, der uns sagt, ob wir gerade munter sind oder lieber schlafen sollten. Verantwortlich dafür sind Reizempfänger in unseren Augen, die auf das vorhandene Licht reagieren. Bei kaltem Licht sorgen sie dafür, dass unser Körper das Aktivitätshormon Cortisol ausschüttet, welches uns wach und aufnahmebereit macht. Bei warmweißem Licht produzieren wir Melatonin, was uns entspannt und schläfrig macht. Die permanente Verfügbarkeit  von künstlichem Licht hat inzwischen bei vielen von uns den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus verschoben.

Während die Menschen früher fast ausschließlich am Tag aktiv waren, lassen wir heute vor dem Schlafen gehen vorsichtshalber die Jalousien runter, damit wie ja nicht zu früh von der Sonne geweckt werden. Abends schalten wir dann unsere Lampen an und ziehen von Bar zu Bar. Wir können uns nicht mehr auf unsere innere Uhr verlassen.

Ob wir das Verlust oder Bereicherung empfinden, müssen wir für uns selbst entscheiden. Wichtig ist, dass wir unser natürliches Ruhe- und Erholungsbedürfnis nicht vernachlässigen. Da sich dieses von Natur aus aber nun mal am besten nachts befriedigen lässt, sprechen Lichtforscher und Umweltschützer in diesem Zusammenhang auch von Lichtverschmutzung, da insbesondere in Großstädten durch den Einsatz von zu viel Kunstlicht durch Straßenbeleuchtung, Leuchtreklamen und Flutlichtanlagen die Nacht regelrecht zum Tag gemacht wird. Die Folgen sind oft Schlaflosigkeit oder Übermüdung, der Verlust der Wahrnehmung des natürlichen Sternenhimmels und ein gestiegener Energieverbrauch. Doch zum Glück beschleicht uns mit zunehmendem Alter nicht nur die Weisheit, sondern auch die Müdigkeit und wir gehen abends wieder früher ins Bett, stehen morgens zeitiger auf und schütteln den Kopf über unsere Kinder, die nach einer durchzechten Nacht bis mittags im Bett liegen. Wir sehen also, unsere innere Uhr tickt nur eine gewisse Phase in unserem Leben anders, letztendlich siegt jedoch unser natürlicher Biorhythmus über die einnehmenden Machenschaften der Lichtindustrie. ;)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>